Kuratorischer Text
Christopher Kulendran Thomas
Another World

in Kooperation mit Annika Kuhlmann und mit Aṇaṅkuperuntinaivarkal Inkaaleneraam

22. Oktober 22 – 15. Januar 23

 

Kurator: Krist Gruijthuijsen
Assistenzkuratorin: Sofie Krogh Christensen

 

<p>Christopher Kulendran Thomas, <em>The Finesse</em> (2022), in Kollaboration mit Annika Kuhlmann; Filmstill</p>

Christopher Kulendran Thomas, The Finesse (2022), in Kollaboration mit Annika Kuhlmann; Filmstill

 

„Wie kann man von den Verlierer*innen erzählen, wenn die Geschichte bereits von den Gewinner*innen geschrieben wurde?“

– Christopher Kulendran Thomas

 

Die Ausstellung Christopher Kulendran Thomas – Another World nimmt den gescheiterten revolutionären Kampf für ein unabhängiges tamilisches Heimatland im Nordosten Sri Lankas als Ausgangspunkt, um alternative Ansätze zu Technologie zu untersuchen.

 

Nach Ende der britischen Kolonialherrschaft über das heutige Sri Lanka im Jahr 1948 brach auf der Insel ein Bürgerkrieg aus. In Reaktion auf die Diskriminierung und Verfolgung der tamilischen Minderheit, die in Säuberungen gipfelte, wurde die tamilische Befreiungsbewegung gegründet. Diese rief 1983 im Norden und Osten der Insel den De-facto-Staat Tamil Eelam aus, den sie während des Bürgerkriegs autonom regierte. Dabei nutzte sie das aufkommende Internet, um innerhalb der tamilischen Diaspora ein weltweit verzweigtes, eigenständiges Wirtschaftssystem zu etablieren. 2009 wurde der autonome Staat jedoch von Sri Lankas Regierung brutal militärisch zerschlagen und zahlreiche Menschen tamilischer Abstammung mussten fliehen.

 

In der Ausstellung in den KW Institute for Contemporary Art ist die neue Videoarbeit The Finesse (2022) zu sehen. Sie wurde von Christopher Kulendran Thomas gemeinsam mit seiner langjährigen Kooperationspartnerin Annika Kuhlmann konzipiert und spürt dem verlorenen Erbe der Befreiungsbewegung in der Heimat der Familie des Künstlers nach. Sie zeichnet den Versuch der tamilischen Unabhängigkeitsbewegung nach, eine autonome kooperative Wirtschaft aufzubauen, die auf erneuerbarer Energie, gemeinschaftlichem Besitz und computergestützter Koordination beruhen sollte. Fünf monolithische Bildschirme und eine Projektion verwandeln das gesamte erste Obergeschoss der KW in eine architektonische Halluzination. In der immersiven Filminstallation verschmelzen Popkultur und Politik mit Archivbildern und computergenerierten Avataren. Die Arbeit lässt die Grenzen zwischen historischer Forschung und einer alternativen Science-Fiction-Realität verschwimmen: Sie zeigt auf, wie die mit dem Untergang des tamilischen Staates verloren gegangene Kunst, Architektur und Technologie, auch heute noch radikal andere Ideen generieren könnten. Da Teile der Arbeit von einem Algorithmus permanent neu generiert werden, ist der Film niemals identisch.

 

<p>Christopher Kulendran Thomas, <em>The Finesse</em> (2022), in Kollaboration mit Annika Kuhlmann; Filmstill</p>

Christopher Kulendran Thomas, The Finesse (2022), in Kollaboration mit Annika Kuhlmann; Filmstill

 

Im zweiten Obergeschoss der KW ist eine Reihe neuer Gemälde zu sehen, in denen Kulendran Thomas mit dem Einsatz künstlicher Intelligenz seinen künstlerischen Arbeitsprozess erweitert. Die Bilder sind mithilfe von Algorithmen entstanden, welche anhand der mimetischen Zirkulation kunsthistorischer Formen trainiert wurden. Diese Formen wurden zu Zeiten der britischen Kolonialherrschaft und nach Ende des Bürgerkriegs aus dem westlichen Kunstkanon nach Sri Lanka überführt. Die Arbeiten werden gemeinsam mit Keramiken von Aṇaṅkuperuntinaivarkal Inkaaleneraam ausgestellt, einer einflussreichen Figur des künstlerischen Widerstands in Tamil Eelam.

 

Eine neue Version der 2019 entstandenen Videoarbeit Being Human teilt die zweite Etage. Die Arbeit nimmt das Ausstellungspublikum mit auf eine elliptische Reise durch das heutige Sri Lanka, von den Nachwirkungen des Bürgerkriegs bis zur dortigen Colombo Art Biennale, die unmittelbar nach Beendigung des Krieges ins Leben gerufen wurde. Der Film verbindet tatsächlich gelebte Erfahrungen mit algorithmisch entworfenen Figuren, darunter prominente Gäste der Colombo Art Biennale und Kulendran Thomas’ Onkel, der in Tamil Eelam ein Zentrum für Menschenrechte gegründet hat.

 

<p>Christopher Kulendran Thomas, <em>Being Human</em> (2019), in Kollaboration mit Annika Kuhlmann; Installationsansicht: Schinkel Pavillon, Berlin, 2019: Image: Andrea Rosetti</p>

Christopher Kulendran Thomas, Being Human (2019), in Kollaboration mit Annika Kuhlmann; Installationsansicht: Schinkel Pavillon, Berlin, 2019: Image: Andrea Rosetti

 

Gemeinsam bilden Being Human und The Finesse zwei Teile einer fortlaufenden Trilogie, die ausgehend von Erfahrungen der Diaspora und Vertreibung mögliche alternative Zukünfte entwirft. Diese post-filmischen Arbeiten stechen durch Form, Produktion und die experimentelle Art ihrer Installation heraus. Vor allem sind sie jedoch das Ergebnis eines intensiven kreativen Entwicklungsprozesses mit zahlreichen Kooperationen innerhalb eines weitverzweigten internationalen Netzwerks von Kunstschaffenden, Journalist*innen, Choreograf*innen, Schauspieler*innen und Architekt*innen. Die Arbeiten selbst haben zum Entstehen kreativer Zusammenschlüsse geführt, welche einer ethnischen Community eine Stimme geben, die ihres Sprechorts beraubt wurde und weiterhin wird.

 

Eine Variante dieser Ausstellung ist zeitgleich im Institute of Contemporary Arts (ICA) in London zu sehen. Gemeinsam begleiten die beiden Präsentationen die Gründung von earth.net, einem multidisziplinären Studio zur Entwicklung gemeinsamer Werkzeuge für neue Lebensentwürfe. Ein von den KW und dem ICA gemeinsam vorgestelltes Begleitprogramm widmet sich ab November dezentralisierten Gesellschaften. Eine Gruppe von Forscher*innen soll dabei zivile Technologien für kooperative Ökonomien untersuchen. Interessierte werden gebeten, ihre Teilnahme unter earth.net anzumelden.

 

Künstler*innenbiographie

Christopher Kulendran Thomas ist ein Künstler tamilischer Abstammung, der seine prägenden Jahre in London verbrachte, nachdem seine Familie die eskalierende ethnische Unterdrückung und die zivilen Unruhen im tamilischen Heimatland Eelam verlassen hatte. Er beobachtete, meist aus der Ferne, wie eine aufstrebende zeitgenössische Kunstszene in Sri Lanka aus der Asche der ethnischen Säuberungen auf der Insel erblühte und begann, die strukturellen Prozesse zu untersuchen, durch die Kunst Realität erzeugt. Das Atelier des Künstlers ist eine fließende Zusammenarbeit, die Technolog*innen, Architekt*innen, Schriftsteller*innen, Journalist*innen, Designer*innen, Musiker*innen, Aktivist*innen und Künstler*innen zusammenbringt, um verschiedene, noch nicht realisierte Möglichkeiten an der Schnittstelle von Kultur, Technologie und Bürger*innen schaft zu erforschen, und arbeitet heute mit einer Vielzahl von Disziplinen und oft auch mit modernsten Technologien. Zu den Mitarbeiter*innen des Studios gehören Olga Abramova, Nevo Bar, James Beatham, Billy Coulthurst, Henry Davidson, Anne Fellner, Jan-Peter Gieseking, Tobias Groot, Ilavenil Vasuky Jayapalan, Sophie Luck, Nivethan Nanthakumar, Justin Ng, Carl Rethman, Sonia Rettenmaier, Carla-Luisa Reuter, Julia Rosenstock, Emmy Skensved, Victor Stuhlmann, Mark Stroemich, Victor Payares und Ernie Wang.

 

Annika Kuhlmann ist Kuratorin, Filmemacherin und Produzentin. Sie war Direktorin des Berliner Schinkel Pavillons und hat an Ausstellungen für das Haus der Kulturen der Welt (Berlin), das BFI Miami, den Kunstverein Harburger Bahnhof und den Gropius Bau (Berlin) gearbeitet. Als Mitbegründerin des künstlerischen Forschungsprojekts New Eelam hat sie zusammen mit Christopher Kulendran Thomas an Ausstellungen und Filminstallationen für die 9. Berlin Biennale, die 11. Gwangju Biennale, den Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart in Berlin, die Tensta konsthall in Stockholm, das Museum of Contemporary Art Chicago, das Institute of Modern Art Brisbane und Spike Island in Bristol gearbeitet. Kuhlmann ist künstlerischer Leiter von earth.net.

 

Die Ursprünge von Aṇaṅkuperuntinaivarkal Inkaaleneraam liegen in Eelam und im klandestinen künstlerischen Widerstand gegen die staatliche Unterdrückung der tamilischen Kultur auf der Insel. Da sie Kunst als Teil eines sozialen Prozesses verstanden, arbeiteten viele Künstler der tamilischen Befreiungsbewegung unter Pseudonym und verließen sich auf kollektive Solidarität, um die srilankische Regierung zu umgehen, und nutzten die bescheidenen Materialien, die in der belagerten tamilischen Heimat zur Verfügung standen. Obwohl nur sehr wenig von ihrer Arbeit das brutale Ende des Bürgerkriegs, der Eelam 2009 auslöschte, überlebte, wird das Erbe dieser kreativen Szene nun in Form einer über die Eelam-Diaspora verstreuten Zusammenarbeit fortgeführt. Aṇaṅkuperuntinaivarkal Inkaaleneraam war und ist ein Experiment mit neuen Formen der sozialen Organisation. Es existiert heute als Discord-Gemeinschaft, die Technologien für DAOs (dezentrale autonome Organisationen) nutzt, um gemeinsam eine verteilte und fließend autonome kollektive Untersuchung der verlorenen Geschichte und möglichen Zukunft der Eelam-Kunst zu leiten.

 

Impressum

Kurator: Krist Gruijthuijsen

Assistenzkuratorin: Sofie Krogh Christensen

Produktionsleitung: Claire Spilker

Technische Leitung: Wilken Schade

Leitung Aufbauteam, Medientechnik: Markus Krieger

Aufbauteam: KW Aufbauteam

Registrarin: Monika Grzymislawska

Assistenz Registrarin: Carlotta Gonindard Liebe

Bildung und Vermittlung: Laura Hummernbrum  

Programmkoordination & Outreach: Nikolas Brummer

Presse und Kommunikation: Marie Kube, Anna Falck-Ytter

Text und Redaktion: Sofie Krogh Christensen, Christopher Kulendran Thomas

Übersetzung und Lektorat: Lutz Breitinger, Tina Wessel, Simon Wolff

Wissenschaftliches Volontariat: Lara Scherrieble

Praktikantinnen: Pauline Hagen, Janika Jähnisch, Luisa Schmoock, Fangrong Tian

 

<p>Die Ausstellung in den KW wird großzügig unterstützt durch die KW Freunde und gefördert durch Fluentum/Markus Hannebauer.</p>

 

Die Ausstellung in den KW wird großzügig unterstützt durch die KW Freunde und gefördert durch Fluentum/Markus Hannebauer.

 

<div class="page_image_caption">
<p><em>Christopher Kulendran Thomas –</em> <em>Another World</em> wurde initiiert von Stefan Kalmár und in Zusammenarbeit mit dem Institute of Contemporary Art, London, der Kunsthalle Zürich und den KW Institute for Contemporary Art, Berlin produziert und wird ermöglicht mit großzügiger Unterstützung der Filecoin Foundation und der Filecoin Foundation for the Decentralized Web.</p>
<p> </p>
<p><em>The Finesse</em> (2022) von Christopher Kulendran Thomas ist eine Auftragsarbeit des ICA London in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Zürich und den KW Institute for Contemporary Art, Berlin und wurde mit großzügiger Unterstützung der Filecoin Foundation, der Filecoin Foundation for the Decentralized Web und dem Medienboard Berlin-Brandenburg realisiert. Mit Dank an OMA|AMO, satis&fy und der Adam Hall Group.</p>
</div>

 

Christopher Kulendran Thomas – Another World wurde initiiert von Stefan Kalmár und in Zusammenarbeit mit dem Institute of Contemporary Art, London, der Kunsthalle Zürich und den KW Institute for Contemporary Art, Berlin produziert und wird ermöglicht mit großzügiger Unterstützung der Filecoin Foundation und der Filecoin Foundation for the Decentralized Web.

 

The Finesse (2022) von Christopher Kulendran Thomas ist eine Auftragsarbeit des ICA London in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Zürich und den KW Institute for Contemporary Art, Berlin und wurde mit großzügiger Unterstützung der Filecoin Foundation, der Filecoin Foundation for the Decentralized Web und dem Medienboard Berlin-Brandenburg realisiert. Mit Dank an OMA|AMO, satis&fy und der Adam Hall Group.

 

<p>Medienpartner Herbstprogramm 2022</p>

 

Medienpartner Herbstprogramm 2022