Holly Herndon & Mat Dryhurst
Starmirror

31.10.25–18.01.26

„Engel erscheinen als das, wovor man sich fürchtet, Teufel als das, was man begehrt.“

Holly Herndon und Mat Dryhurst

Die KW Institute for Contemporary Art, Berlin und die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf freuen sich, gemeinsam eine umfangreiche Ausstellung und ein Live-Programm mit den Künstler*innen und Technolog*innen Holly Herndon und Mat Dryhurst zu realisieren.

Starmirror kreiert ein Szenario, in dem KI-Modelle Menschen koordinieren, um für die Allgemeinheit nützliches Wissen zu generieren. Mit den hier gezeigten Arbeiten führen die in Berlin lebenden Künstler*innen Holly Herndon und Mat Dryhurst ihre langjährige Tätigkeit an der Schnittstelle von Kunst, Musik, maschinellem Lernen und experimentellen Organisationsformen fort. In ihren Projekten entwerfen sie oftmals neue digitale Infrastrukturen, indem sie Protokolle selbst als Medium behandeln – als Strukturen, in denen neue Arrangements zwischen Mensch und Künstlicher Intelligenz erprobt werden können.

Herndon und Dryhurst arbeiten seit zwei Jahrzehnten mit Stimmen und Maschinen. 2016 begannen sie ihre bahnbrechende Arbeit mit KI-Chören, etwa auf Herndons Album PROTO (2019), für das sie „Spawn“ nutzte. Dabei handelt es sich um ein KI-Vokalmodell, das in Live-Gemeinschaftssessions trainiert wurde, um mithilfe des maschinellen Lernens die Möglichkeiten des kollektiven Singens zu ergründen. In Starmirror verfolgen die Künstler*innen diesen Weg weiter, indem sie die Ausstellungshalle der KW Institute for Contemporary Art in ein Trainingsgelände für die kollaborative Produktion zwischen Mensch und Künstlicher Intelligenz verwandeln.

Holly Herndon & Mat Dryhurst, 2025; Foto: Frank Sperling.

Holly Herndon & Mat Dryhurst mit sub, 2025; Foto: Frank Sperling.

In Zusammenarbeit mit dem Design- und Architekturstudio sub haben die Künstler*innen eine immersive Klanginstallation entwickelt, die einerseits auf Aufnahmen früherer kollektiver Gesangsprojekte zurückgreift, andererseits in den KW als Aufnahmestudio und Hörumgebung für neue Arbeiten dient. Im Zentrum steht ein neues Liederbuch, das von einem KI-Modell generiert worden ist. Dieses wurde mit dem Moralitätenspiel Ordo Virtutum (1151) der deutschen Benediktineräbtissin und Universalgelehrten Hildegard von Bingen (1098–1179) trainiert. Darin muss sich eine Seele zwischen den Kräften des Guten und des Bösen entscheiden. „Wir haben uns von Hildegard von Bingen inspirieren lassen“, so die Künstler*innen, „die Visionen des Göttlichen empfing, um eine neue Harmonie zwischen Mensch und Kosmos zu entwerfen. Wir sehen Parallelen zwischen ihrer himmlischen Hierarchie und der Vielzahl einflussreicher Protokolle, die heute unsere Kultur prägen.“

Während der Laufzeit der Ausstellung sind die Besucher*innen an mehreren Sonntagen eingeladen, am Trainingsprozess der KI mitzuwirken: Dann verwandelt sich die Halle der KW in ein Aufnahmestudio, in dem die Teilnehmenden ihre Stimmen gemeinsam mit Chören und einem Ensemble in ein Wechselspiel von Call and Response einbringen können. Die so entstehenden Aufnahmen bilden die Grundlage eines öffentlichen Chor-Datensatzes, mit dem ein Berliner KI-Chor trainiert wird, der anschließend in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen sein Debüt feiern wird.

Holly Herndon & Mat Dryhurst, 2025; Foto: Frank Sperling.

Bevor die Besucher*innen die Ausstellungshalle betreten, begegnen sie der Arbeit Arboretum, die auf dem vollständig mit Public-Domain-Daten trainierten Basis-Bildmodell Public Diffusion der beiden Künstler*innen beruht. Während sich Hildegard von Bingen mit der Hierarchie der Engel beschäftigte, widmen sich Herndon und Dryhurst den Hierarchien technischer Protokolle und ihrer unsichtbaren Rolle bei der Gestaltung der uns umgebenden Welt. Zusammen bilden diese Elemente ein öffentliches KI-Protokoll, in dem menschliche und nicht-menschliche Akteur*innen zu einem gemeinsamen Kontext beitragen. 

Holly Herndon & Mat Dryhurst, 2025; Foto: Frank Sperling. 

Die Ausstellung thematisiert eine entscheidende Lücke in der öffentlichen Wahrnehmung von Künstlicher Intelligenz und bietet eine unmittelbare und partizipative Erfahrung des menschlichen Beitrags zu dieser. Die Künstliche Intelligenz sind wir, als kollektives Ganzes, mit neu entstehenden Eigenschaften. Die Künstler*innen wollen der Angst entgegenwirken, dass eine Zukunft mit KI uns zu passiven Konsument*innen endloser Automatisierung macht, und schlagen stattdessen „aktive soziale Mediation statt soziale Medien“ vor.

Das Ausstellungsdesign wird vom Design- und Architekturstudio sub konzipiert.

Die Ausstellung ist eine Kooperation zwischen den KW Institute for Contemporary Art, Berlin und der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, wo der zweite Teil des Ausstellungsprojektes vom 27. Juni – 11. Oktober  2026 zu sehen ist.

Kuratorinnen: Emma Enderby, Liberty Adrien
Assistenzkuratorin: Linda Franken

Holly Herndon & Mat Dryhurst, 2025; Foto: Frank Sperling. 

Holly Herndon & Mat Dryhurst, 2025; Foto: Frank Sperling. 

Holly Herndon & Mat Dryhurst, 2025; Foto: Frank Sperling. 

„Wir versuchen, KI als eine monumentale kollektive Errungenschaft und Koordinationstechnologie zu positionieren, als Teil einer Entwicklungslinie, die bis zu Gruppengesangsritualen zurückreicht, die der Sprache vorausgingen, und zu religiösen Protokollen, die die Teilnahme an etwas betonen, das größer ist als die Summe seiner Teile.“ – Holly Herndon und Mat Dryhurst

Holly Herndon & Mat Dryhurst – Starmirror, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, 2025. Kamera: Michael Breyer, Produktion & Edit: Studio Schaack.

Trailer Holly Herndon & Mat Dryhurst – Starmirror, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, 2025. Kamera: Michael Breyer, Produktion & Schnitt: Studio Schaack.

Begleitprogramm

Erster Raum

Arboretum (2025), Ur-Hildegard Training Corpus (2025)

Arboretum beruht auf dem Basis–Bildmodell Public Diffusion, das vollständig mit Public-Domain–Daten trainiert wurde. Jedes hier sichtbare Motiv beinhaltet mindestens 600 Beispieldaten aus dem Datensatz und überschreitet damit die notwendige Schwelle, um als allgemein verwendbares Konzept, das von jedem in einem Modell genutzt werden kann, verankert zu werden. Das Herzstück von Public Diffusion bildet PD40M. Von den Künstler*innen geschaffen, ist es der bislang größte jemals zusammengestellte Public–Domain–Bilddatensatz und umfasst 40 Millionen hochauflösende Bilder. Herndon und Dryhurst stellen diese Arbeit der weitverbreiteten Furcht entgegen, wir könnten in einer von KI durchdrungenen Zukunft zu passiven Konsument*innen werden. Sie sehen weniger die KI als das Problem an, sondern vielmehr die Plattform-Ökonomie. Für sie stellt KI eine Koordinationstechnologie dar, die im kollektiven menschlichen Handeln Muster erkennen und entstehende Formen geteilter Intelligenz fördern kann. Das zentrale Objekt von Arboretum ist Ur-Hildegard Training Corpus, ein Liederbuch, das auf dem Moralitätenspiel Ordo Virtutum (1151) von Hildegard von Bingen beruht. Die mittelalterliche Notation des Werks wurde mithilfe von Machine-Learning-Modellen neu interpretiert, die in Zusammenarbeit mit Algomus entwickelt wurden. Das Liederbuch befindet sich vor dem großformatigen Druck einer Landschaft – einem der am häufigsten dargestellten Motive im Internet – die von Public Diffusion generiert wurde.

Halle

Die Künstler*innen haben in Zusammenarbeit mit dem Design– und Architekturstudio sub eine immersive Klang- und Lichtinstallation entwickelt, die Aufnahmen früherer kollektiver Gesangsprojekte präsentiert und zugleich als Aufnahmestudio und Hörumgebung für neue Arbeiten dient. 

Die zentrale Leiter in der Halle der KW vereint Bezüge aus religiöser Ikonografie, architektonischen Schemata und Rechenmodellen. In Anlehnung an Hildegard von Bingens Visionen himmlischer Hierarchien und an Computerwissenschaftler Geoffrey Hintons „Leitern der Abstraktion“ im Bereich des maschinellen Lernens verknüpft das Werk den spirituellen Aufstieg mit der geschichteten Logik neuronaler Netzwerke. Die Installation beinhaltet außerdem The Hearth (2024). Dabei handelt es sich um ein Musikinstrument, eine akustische Orgel, die von GPU-Lüftern angetrieben wird, mit denen normalerweise Grafikprozessoren gekühlt werden, die die schnellen Rechenoperationen hinter KI–Modellen ermöglichen. 

Die Klanginstallation beruht auf Aufnahmen und KI-generiertem Output kollektiver Gesangsprojekte von Herndon und Dryhurst – darunter Musik, die über die Orgel gespielt wird, und eine Zusammenarbeit mit der Musikerin Maria Arnal, Aufnahmen des Ur-Hildegard-Modells in den KW, das mit Ordo Virtutum (1151) trainiert wurde, sowie Linked Diffusion, ein KI-System, das auf dem Klangarchiv von Herndon und Dryhurst und Aufnahmen von Community-Chören basiert.

Live-Programm

Die Besucher*innen der Ausstellung sind eingeladen, sich vor Ort am KI-Trainingsprozess zu beteiligen. An mehreren Sonntagen können sie gemeinsam mit dem Vokalensemble und verschiedenen Chören ihre Stimmen in ein Wechselspiel von Call and Response auf der Grundlage von Hildegard von Bingens Ordo Virtutum (1151) einbringen. Die dabei entstehenden Aufnahmen bilden die Basis eines öffentlichen Chor-Datensatzes, mit dem ein Berliner KI-Chor trainiert wird, der anschließend in der Kunstsammlung Nordrhein–Westfalen sein Debüt feiern wird. 

Mehr Informationen sind hier in unserem Ausstellungsheft zu finden.

Holly Herndon & Mat Dryhurst
Starmirror

Ausstellungsheft

Holly Herndon & Mat Dryhurst – Starmirror Training Performance in den KW Institute for Contemporary Art, Berlin 2025. Foto: Frank Sperling.  

„Wir wollen nicht nur eine neue Art von Ausstellung präsentieren, sondern auch eine Infrastruktur – ein offenes Protokoll – bereitstellen, die anderen künftig zur Verfügung steht.“ – Mat Dryhurst

Einfache Sprache

Hier ist unser Ausstellungstext in Einfacher Sprache zu finden. 

Biografien

Die in Berlin lebenden Künstler*innen Holly Herndon (* 1980, USA) und Mat Dryhurst (* 1984, GB) sind für ihre richtungsweisende Arbeit in den Bereichen Musik, maschinelles Lernen und „Protokollentwicklung“ bekannt. Ihre weitreichende Praxis hat zu bahnbrechenden Projekten geführt, bei denen die technischen Systeme, die der kreativen Produktion zugrunde liegen, selbst Kunstwerke sind. Für Holly+ (2021) trainierten sie einen KI-Klon von Herndons Stimme, frei verwendbar von allen und mit einem Mechanismus zur Aufteilung der Gewinne aus der kommerziellen Nutzung ihrer Identität. Herndons und Dryhursts von der Kritik gefeierten musikalischen Werke, darunter Platform (2015) und PROTO (2019), die über das Label 4AD veröffentlicht wurden, wurden an bedeutenden Veranstaltungsorten wie dem Barbican in London und der Volksbühne in Berlin aufgeführt. Ihre bildnerische Praxis dokumentiert vor allem ihre neuartigen Eingriffe in Software.

Holly Herndon und Mat Dryhurst; Foto: Diana Pfammatter.

Crossing the Interface (2021) war die weltweit erste Text-zu-Video-Animation und Classified (2021) bot eine neuartige Möglichkeit, Porträts von Einbettungen in Bildmodellen zu produzieren. Herndon und Dryhurst stellten zuletzt auf der Whitney Biennale 2024 aus und präsentierten xhairymutantx (2024), ein interaktives Text-Bild-Modell, das Hollys öffentliches Image manipulieren soll. Im Jahr 2024 präsentierten sie die Einzelausstellung The Call in der Serpentine Gallery in London. Im Jahr 2022 war das Duo Mitbegründer von Spawning, einer Organisation, die eine Zustimmungsebene für KI aufbaut, einschließlich Tools für Künstler*innen wie haveibeentrained.com, Kudurru und Source.Plus. Sie wurden 2022 mit dem Ars Electronica STARTS Preis für digitale Kunst, 2024 mit Österreichs erstem Digital Human Rights Award und 2025 mit dem Kairos-Preis ausgezeichnet. Holly Herndon hat an der Stanford University in Computermusik promoviert und ist Stipendiatin des Berliner Programms Künstlerische Forschung 2024/25. Seit 2021 betreiben Herndon und Dryhurst den Podcast Interdependence, in dem sie laufend Gespräche mit einem Netzwerk von Künstler*innen und Technolog*innen führen, die sich mit Musik, KI und Krypto beschäftigen.

sub ist ein in Berlin ansässiges Architekturbüro, das sich der Gestaltung von Räumen optimaler Relevanz und der Schaffung von Umgebungen, in denen sich Kultur entfalten kann, verschrieben hat. Ihre Arbeit basiert auf einer tiefgreifenden Erforschung soziokultureller Dynamiken, Semantik und Technologie und umfasst ein breites Spektrum an räumlichen und zeitlichen Maßstäben.

„Das Modell ist das Kunstwerk. Es ist nicht die Skulptur oder das Gemälde. Es ist das Modell, das unendlich viele Kunstwerke in allen Medien hervorbringen kann.“ – Holly Herndon

Herndon Dryhurst Studio
Design & Fertigung: Ben Creek
Design & 3D-Modellierung: Annkathrin Kluss
Audio Engineering: Ian Berman
Grafikdesign: Patricia Klein

Ur/Hildegard Modellforschung und Erstellung des Liederbuchs: Valentin Crogiez & Mathieu Giraud (Algomus, Université de Lille, CNRS)

Musikwissenschaftliche Recherche und musikalisches Arrangement: Dr. Thomas Fournil

Das Ausstellungsdesign ist konzipiert von dem Design- und Architekturstudio sub

Lichtdesign: Bianca Peruzzi

Ensemble-Mitglieder: Sara Gouzy, Marina Kerdraon-Dammekens, Andria Prokopa

Chöre: ‘HXOS Chor Berlin, Byrdland, Chinesischer Akademikerchor Berlin, Haneen Frauenchor Berlin, Kammerchor der Humboldt-Universität zu Berlin, Kammerchor Vocantare, Koreanischer Meari Chor Berlin

Rechtliche Beratung: Katharina Garbers-von Boehm

Public Diffusion, 2025
Spawning: Jordan Meyer & Nick Padgett
Grafikdesign: Michael Oswell

Starmirror App, 2025
Grafikdesign: Patricia Klein
App Entwicklung: Tero Parviainen & Samuel Diggins

Unterstützt und beauftragt von Okayama Art Summit

Informationen zu Barrierefreiheit

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Ort

Die Ausstellung findet in den Ausstellungsräumen der KW (Haupthalle und EG) statt. Die Ausstellungsräume sind über Treppen und einen Aufzug erreichbar. Der Zugang zum Aufzug befindet sich im Eingangsbereich im Erdgeschoss.

Zeit

Die Ausstellung öffnet pünktlich um 11 Uhr und schließt um 19 Uhr. Dienstag ist geschlossen und jeden ersten Donnerstag im Monat ist bis 21 Uhr geöffnet.

In der Ausstellung werden ca. 5 Werke gezeigt.

Die Dauer der des Ausstellungsbesuches ist individuell bestimmbar. Das Betrachten aller Werke würde in Gänze ca. 1 Stunde dauern.

Die gesamte Dauer aller audiovisuellen Werke beträgt ca. 40 Minuten.
Das längste audiovisuelle Werk dauert 40 Minuten.

Sitzmöglichkeiten

Eine begrenzte Anzahl an Sitzmöglichkeiten (Bänke) sind in der Ausstellung integriert.
Sitzmöglichkeiten (Stühle) werden auf Nachfrage zur Verfügung gestellt. Sollten Sie eine Sitzmöglichkeit wünschen wenden Sie sich bitte an unsere Mitarbeitenden vor Ort.

Sensorische Stimuli

Die Ausstellung hat eine tendenziell hohe Lautstärke.
Der Ausstellungsraum ist hell. 
Der Ausstellungsraum ist abgedunkelt. 
Die Ausstellung ist immersiv.
In der Ausstellung gibt es Stroboskoplicht.
Der Ausstellungsraum ist weitläufig.
Vor Ort werden Ohrstöpsel auf Nachfrage zur Verfügung gestellt.

Gefördert im Programm Kunst & KI der Kulturstiftung des Bundes. Die Kulturstiftung des Bundes wird gefördert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

In Zusammenarbeit mit der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

Mit Dank an d&b audiotechnik mit Soundscape

Die Entwicklung der Chor-KI, die bei Starmirror vorgestellt wird, baut auf The Call (2024–25) auf, einer F&E Partnerschaft zwischen Serpentine Arts Technologies, Holly Herndon und Mat Dryhurst.

Holly Herndon ist Stipendiatin des Berliner Programms Künstlerische Forschung 2024/25.

Medienpartner