Kazuko Miyamoto
String Constructions

31.10.25–18.01.26

„Mehr als die meisten Kunstwerke unterliegen meine Konstruktionen mit Fäden dem Lauf der Zeit. Sie sind absolut vergänglich.“

Kazuko Miyamoto

String Constructions ist die erste institutionelle Einzelausstellung von Kazuko Miyamoto (* 1942, JP) in Deutschland. Miyamoto ist eine führende Vertreterin der postminimalistischen und feministischen Bewegung in New York, wo sie seit 1964 lebt. In ihren Skulpturen, Installationen, Performances und Papierarbeiten erkundet die Künstlerin sowohl die Beziehungen von Körper, Raum und Material sowie Themen wie Arbeit und Sichtbarkeit.

Im Mittelpunkt der Ausstellung steht Miyamotos einflussreiche Werkreihe string constructions aus den 1970er– und 1980er–Jahren. Es handelt sich um die bisher umfangreichste Präsentation der Installationen aus Baumwollfäden, Nägeln und gezeichneten Linien. Nicht zuletzt durch ihren Entstehungsprozess bilden Begriffe der Kollektivität, Performativität und Vergänglichkeit einen konzeptionellen Rahmen der ephemeren Skulpturen. 

String Constructions erstreckt sich über das erste, zweite und dritte Stockwerk sowie den Innenhof der KW und zeichnet die Veränderungen in Miyamotos Auseinandersetzung mit Raum, Körper und Performance nach. Die skulpturalen Installationen der Künstlerin wurden für die Ausstellung rekonstruiert und sind teilweise erstmals seit ihrer ursprünglichen Präsentation zu sehen. Die Ausstellung in den KW versammelt string constructions, welche an zentralen Orten in Miyamotos Karriere auf der Lower East Side Manhattans entstanden sind, in zeitlichen und räumlichen Inseln. 

Kazuko Miyamoto, 1979/2025; Foto: Frank Sperling.

Kazuko Miyamoto, 2025; Foto: Frank Sperling.

Als ehemaliges Mitglied der von Künstler*innen betriebenen A.I.R. Gallery und in ihrer eigenen, nichtkommerziellen Galerie Onetwentyeight setzt sich Miyamoto seit mehr als 60 Jahren für feministische Netzwerke und kollektive Praktiken ein. 

Kazuko Miyamoto, 1979/2025; Foto: Frank Sperling.

In den KW wird durch ein umfangreiches Vermittlungs- und Begleitprogramm – das neu beauftragte Performances, ein Panelgespräch und Seminare in Kollaboration mit der Universität der Künste und der weißensee kunsthochschule in Berlin umfasst – die Rolle kollaborativer und feministischer Strategien in Miyamotos Werk und deren Bedeutung in der Stadt Berlin hervorgehoben.

Begleitend zur Ausstellung erscheint mit Kazuko Miyamoto – Conversations eine neue Publikation, die Gespräche, Statements und Bilder von Freund*innen, Familienmitgliedern, Künstlerkolleg*innen und Kollaborateur*innen der Künstlerin versammelt.

Kuratorinnen: Emma Enderby, Sofie Krogh Christensen
Assistenzkurator*in: Lara Scherrieble

„Das Schönste ist, nichts an der Wand zu haben, das Zweitschönste ist, eine Linie darauf zu haben, und das Drittschönste ist, die Wand zu durchbrechen.“ – Kazuko Miyamoto

Kazuko Miyamoto – String Constructions, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, 2025. Kamera: Michael Breyer, Produktion & Edit: Studio Schaack.

Kazuko Miyamoto, 2025; Foto: Frank Sperling.

Kazuko Miyamoto, 2025; Foto: Frank Sperling.

Kazuko Miyamoto, 2025; Foto: Frank Sperling.

Begleitprogramm

Von 1962 bis 1964 studierte Kazuko Miyamoto am Gendai Bijutsu Kenkyūjo, einem Forschungsinstitut für zeitgenössische Kunst in Tokio. Im gleichen Jahr ist sie in die Vereinigten Staaten gekommen, wo sie an der Art Students League of New York ihr Malereistudium fortgesetzt hatte. Im Jahr 1968 mietete Kazuko Miyamoto in der 117 Hester Street in Chinatown auf Manhattans Lower East Side in New York ihr erstes Atelier an.

Während eines Feueralarms lernte sie andere Künstler*innen kennen, die ebenfalls in dem Gebäude arbeiteten, darunter Adrian Piper und Sol LeWitt. Diese zufälligen Begegnungen sollten Miyamotos weiteren Lebensweg entscheidend beeinflussen, denn kurze Zeit darauf bat LeWitt sie, in seinem Studio für ihn zu arbeiten. Es entwickelte sich eine langjährige Verbindung, und Miyamoto war wesentlich an der Umsetzung zahlreicher kubischer Skulpturen und Wandzeichnungen von LeWitt beteiligt. Bis zu seinem Tod 2007 arbeitete sie als seine Assistentin. Der Künstler und seine Frau Carol LeWitt förderten im Gegenzug Miyamoto, indem sie ihre Arbeiten sammelten und immer wieder öffentlich präsentierten.

Kazuko Miyamoto, 1977/2025; Foto: Frank Sperling.

In der Hester Street begann sie ihre Arbeit mit Baumwollfäden als künstlerischem Medium. Und nach und nach übertrug sie die Muster, mit denen sie sich in ihren Gemälden auseinandergesetzt hatte, in eine plastische Form. Zu jener Zeit war in Manhattan der Minimalismus die beherrschende Kunstrichtung, für den Linien, geometrische Formen, Wiederholungen und strenge Regeln charakteristisch waren. Zu den wichtigsten Vertretern der Bewegung gehörten neben LeWitt seine ebenfalls männlichen Kollegen Dan Flavin, Donald Judd, Carl Andre und Frank Stella.

Miyamoto war mit LeWitts künstlerischen Strategien vertraut, und so könnte man auch ihre Skulpturen als hermetische geometrische Systeme ansehen. Allerdings schloss ihre meditative und repetitive Praxis, bei der sie unermüdlich Nägel einschlug und Baumwollfäden spann, stets die Möglichkeit menschlicher Fehler mit ein.

Miyamoto erprobte zunächst die Linienführung auf verschiedenen Arten von Papier, oftmals Millimeterpapier, ehe sie diese Zeichnungen mithilfe von Nägeln auf Wände oder auf Wände und Fußboden übertrug. Während manche der Zeichnungen Konstruktionsplänen gleichen (und tatsächlich in zwei- oder dreidimensionale Fadenstrukturen übersetzt wurden), sind andere eigenständige Kunstwerke, die nicht notwendigerweise für die Umsetzung in plastischer Form gedacht waren. Bei manchen ihrer string constructions fertigte sie zunächst unmittelbar auf der Wand Linienzeichnungen an, wellenartige Muster, deren Form von ihrem Atemrhythmus bestimmt wurde.

Diese Vorzeichnungen schufen einen meditativen Raum für den folgenden Arbeitsprozess und legten zugleich den späteren Verlauf von Nägeln und Baumwollfäden fest. Mit dieser performativen Sensibilität für ihr Medium und ihre Arbeitsweise schlug Miyamotos Praxis eine postminimalistische Richtung ein, in der die Beziehung des Körpers zu Raum und Material sowie die politischen Dimensionen von Arbeit und Ausstellung in den Mittelpunkt rückten. Die hier gezeigten Werke entstanden ursprünglich auf den weiß getünchten Backsteinwänden von Miyamotos Atelier oder in der Wohnung von Sol LeWitt. Untitled (1973) war eines der Schlüsselwerke, durch die New Yorks Kunstwelt auf Miyamotos Schaffen aufmerksam wurde.

Kazuko Miyamoto, 2025, Foto: David von Becker.

„Ich sehe mich in erster Linie als Arbeiterin [...] Ich spüre die Fäden in meinen Händen; mein Gefühl, sie mit der darunterliegenden Fläche zu verbinden, ist ein taktiles. Spontan, wenn auch abstrakt, spiegeln sie den Rhythmus meines Tages wider.“  – Kazuko Miyamoto 

Im Lauf der 1970er–Jahre löste sich Kazuko Miyamoto mit ihren string constructions von den Wänden und begann in ihrer Arbeit, den umgebenden Raum einzuschließen, indem sie in einen Dialog mit den architektonischen Dimensionen von Wand, Boden und Raumecken, aber auch mit den spezifischen Kanten und Schwellen eines bestimmten Ortes trat. Darüber hinaus erprobte Miyamoto ihre Arbeiten mit Fäden zunehmend außerhalb ihres Ateliers. In ihrer ersten Einzelausstellung in der Mercer Street Gallery  präsentierte Miyamoto 1973 erstmals öffentlich eine string construction – die im selben Jahr entstandene Arbeit Untitled bestand aus Nägeln und gewöhnlichen schwarzen Baumwollfäden, deren dreieckige Form sich über die gesamte Wand erstreckte. 1974 wurde Miyamoto Mitglied der A.I.R. Gallery in der 97 Wooster Street in SoHo, Manhattan. Diese war zwei Jahre zuvor als erste von Künstlerinnen geleitete, nichtkommerzielle Galerie der Vereinigten Staaten gegründet worden und stellte ausschließlich Arbeiten von Frauen aus.

Kazuko Miyamoto, 1972, 1979/2025; Foto: Frank Sperling.

Der Galerieraum war mit seiner schmalen Schlauchform typisch für New York und bot Miyamoto andere räumliche Gegebenheiten als ihr Atelier, sodass sie in einem neuen Maßstab mit den Fäden ihrer Arbeiten experimentieren konnte. Dies zeigte sich etwa in ihrer Einzelausstelluung String Works im Frühjahr 1975.

In den string constructions, die seit der zweiten Hälfte der 1970er–Jahre entstanden, darunter die bahnbrechenden Arbeiten Untitled (1977) und Black Poppy (1979) sowie das kürzlich rekonstruierte Werk Custom House (1977), bilden schwarze und weiße Fäden spektakuläre zwei– und dreidimensionale Wellenformen unterschiedlicher Dichte und Dimensionen, von Menschen– bis zu Raumgröße. Die Skulpturen bestehen aus Hunderten, manchmal auch Tausenden Nägeln und Baumwollfäden, die im Zusammenspiel mit der jeweiligen Architektur  die Wahrnehmung der Arbeiten und des Raumes durch die Betrachter*innen herausfordern.

„Sie [Miyamotos Werke] sind vollkommen zeitlich gebunden, was es mir sehr schwer macht, eine Arbeit zu wiederholen; jedes Werk gehört seiner eigenen Zeit an.“ – Kazuko Miyamoto

Das Jahr 1980 markierte sowohl in der künstlerischen Praxis als auch im Leben von Kazuko Miyamoto einen Wendepunkt. Sie wurde Mutter, und auch der Stil ihrer bis dahin formal strengen Skulpturen durchlief einen Wandel. Für ihre bahnbrechende Präsentation Nesting 1980 in der A.I.R. Gallery verzichtete Miyamoto auf die industriellen Baumwollfäden, die lange Zeit ihr bevorzugtes Medium gewesen waren, und wandte sich stattdessen natürlichen Materialien wie Ästen und Blättern sowie Papier und Seilen zu. In einem Schritt, durch den sie ihr Werk endgültig vom Minimalismus abkoppelte, schuf sie Objekte und Installationen, die vom menschlichen Körper besetzt und aktiviert werden konnten.

In den 1980er-Jahren wandte Miyamoto sich auch zunehmend der öffentlichen Performance zu. Drei Beispiele dafür sind in den Videos zu sehen, die in diesem Raum präsentiert werden. Das Video Waiting for the Carnival (1983) – das auf Samuel Becketts Warten auf Godot (1952) anspielt – folgt den Bewegungen der Künstlerin durch die Straßen von New York, von der A.I.R. Gallery über die Lower East Side bis hin zum avantgardistischen Performance-Kunst-raum Franklin Furnace.

Diese Orte, ebenso wie die Straßen selbst, spielten eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung ihres künstlerischen Ausdrucks. Das Werk zeigt ihre aufmerksame Beobachtung der städtischen Umgebung und ihrer Bewohner – von den Sexarbeiter*innen, die ihr erlaubten, sie zu fotografieren, bis zu den Obdachlosen, mit denen sie zusammenarbeitete.

Kazuko Miyamoto, 2025; Foto: David von Becker. 

Kazuko Miyamoto, 2025; Foto: David von Becker. 

1985 nahm Miyamoto an der Gruppenausstellung zur Einweihung des Rivington School Sculpture Garden teil, wo sie mit zwei Brücken-Arbeiten die Dächer der Gebäude 40 Rivington Street und 172 Forsyth Street miteinander verband. Die Künstler*innengemeinschaft Rivington School befand sich in einer Gegend mit niedrigem Einkommensdurchschnitt auf einer Brache, die auch als Schrottplatz diente und wo die Künstler*innen Metallabfälle als Material für ihre Skulpturen fanden.

Eine der beiden Brücken-Arbeiten von Miyamoto wurde für den Innenhof der KW rekonstruiert. Auch hier werden zwei historische Gebäude über Eck verbunden, in diesem Fall zwei Flügel der ehemaligen Margarinefabrik, in der die KW seit 1991 untergebracht sind.
Die Rekonstruktion von Miyamotos ortsspezifischer, historischer Installation beruht auf sorgfältigen Recherchen von Studierenden der Universität der Künste Berlin im Rahmen des Werkstattseminars Connecting over Bridges unter der Seminarleitung von Akiko Bernhöft und Sarah Kamender, das in Zusammenarbeit mit den KW stattfindet.

Universität der Künste Berlin: Werkstattseminar – Kazuko Miyamoto

Connecting over Bridges

Erfahren Sie mehr über die Kooperation der KW Institute for Contemporary Art mit der Universität der Künste Berlin, welche als Ausgangspunkt für die gemeinsame Produktion eines Werkes für die Ausstellung wurde

Einfache Sprache

Hier ist unser Ausstellungstext in Einfacher Sprache zu finden. 

Biografie

Kazuko Miyamoto wurde 1942 in Tokio geboren, wo sie am Gendai Bijutsu Kenkyujo (Contemporary Art Research Studio) studierte. 1964 zog sie nach New York und besuchte die Art Students League of New York (1964–1968). Ab 1968 arbeitete sie mit Sol LeWitt zusammen und assistierte ihm bei seinen Skulpturen und Wandzeichnungen. 1973 hatte Miyamoto ihre ersten Einzelausstellungen in New York und Bari. Von 1974 bis 1983 war sie Mitglied der A.I.R. Gallery in New York, wo sie regelmäßig ausstellte und Ausstellungen wie Dialectics of Isolation (1980) mitkuratierte. Sie nahm auch an bedeutenden Gruppenausstellungen teil, von denen die 1972 gezeigte Schau 13 Women Artists mit Louise Bourgeois, Loretta Dunkelman, Pat Lasch, Patsy Norvell und Joyce Robins, Mitgliedern des Women's Ad Hoc Committee, in 117-119 Prince Street die bekannteste ist. 1986 gründete sie die Galerie Onetwentyeight in New York als Plattform für BIPOC- und Diaspora-Künstler*innengemeinschaften. Einzelausstellungen hatte sie im Belvedere 21 in Wien (2024), im Museo d'Arte Contemporanea Donnaregina in Neapel (2023), in der Japan Society in New York (2022), in der A.I.R. Gallery in New York (2017), im Circuit in Lausanne (2015), in der Japan Foundation in Neu-Delhi (2015) und in der Kunsthalle Krems (Österreich, 2008).

Kazuko Miyamoto, 1973; Foto: Unbekannt.

Informationen zu Barrierefreiheit

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Ort

Die Ausstellung findet in den Ausstellungsräumen der KW (1. OG, 2. OG, 3. OG) statt. Die Ausstellungsräume sind über Treppen und einen Aufzug erreichbar. Der Zugang zum Aufzug befindet sich im Eingangsbereich im Erdgeschoss.

Zeit

Die Ausstellung öffnet pünktlich um 11 Uhr und schließt um 19 Uhr. Dienstag ist geschlossen und jeden ersten Donnerstag im Monat ist bis 21 Uhr geöffnet.

In der Ausstellung werden ca. 75 Werke gezeigt.

Die Dauer des Ausstellungsbesuches ist individuell bestimmbar. Das Betrachten aller Werke würde in Gänze ca. 1-1,5 Stunden dauern.

Das längste Video dauert 30 Minuten.

Sitzmöglichkeiten

Bänke ohne Rückenlehne in der Ausstellung, Hocker auf Anfrage

Sensorische Stimuli

Der Ausstellungsraum ist weitläufig. 

Vor Ort werden Ohrstöpsel auf Nachfrage zur Verfügung gestellt.

Die Ausstellung ist sinnesfreundlich geplant. Das bedeutet, dass darauf geachtet wird, starke Sinnesreize zu reduzieren, um einen möglichst angenehmen Ort für alle zu schaffen. Auf laute Geräusche und intensive Lichteffekte wird verzichtet.

Sprache

Die Ausstellungstexte sind in deutscher und englischer Sprache verfügbar.
Die Texte zu unseren Ausstellungen sind auch in Einfacher Sprache vor Ort und online verfügbar.
Es werden Dokumente zum Mitlesen in deutscher und englischer Sprache ausgehändigt.
Für diese Ausstellung bieten wir Führungen mit Dolmetschung in Deutsche Gebärdensprache an. 

Begleitung und Unterstützung

Begleitpersonen können kostenfrei an der Veranstaltung teilnehmen.

Zu der Veranstaltung können Assistenzhunde mitgebracht werden.

Ansprechpersonen

Bei weiteren Fragen zur Barrierefreiheit wenden Sie sich bitte per E-Mail an mediation@kw-berlin.de.

Bei Fragen oder für Unterstützung vor Ort wenden Sie sich bitte an das Einlasspersonal.

Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds
Mit zusätzlicher Unterstützung durch die Henry Moore Foundation

Mit Dank an EXILE, Galleria Alessandra Bonomo, Take Ninagawa, Tokyo, Zürcher Gallery, New York / Paris

Medienpartner