Kuratorischer Text
Jimmy DeSana & Paul P.
Ruins of Rooms
6. Juli – 20. Oktober 2024

 

Manchmal starre ich mich im Spiegel an, solange, bis mir mein eigenes Abbild fremd wird. Bis ich Abstand von der Identität gewonnen habe, mit der ich geboren wurde und nach der ich beurteilt werde. Ich analysiere meinen Knochenbau, meine Augen, meine Haare und meine Körperhaltung. Ich mache mich zum Objekt, bis das Leben schwindet und der Tod erscheint. Im Laufe meines Lebens habe ich mehrfach dem Tod ins Auge gesehen. Als ich meiner Mutter sagte, ich sei schwul, antwortete sie: „Bitte, werd nicht krank.“ Der französische Autor und Fotograf Hervé Guibert schrieb einmal: „Mein Körper ist durch Lust oder Schmerz in Zustände der Theatralik und des Höhepunkts versetzt worden, die ich auf jede nur erdenkliche Weise wiederherstellen möchte: durch Fotos, Videos oder Tonaufnahmen. Er ist ein Labor, das ich zur Schau stelle …“ Dies schrieb er in dem Bewusstsein, dass sein Leben aufgrund von HIV/AIDS zu Ende ging. In seinen Texten befasste sich Guibert mit Fotografie, insbesondere mit nicht aufgenommenen Fotos, und mit der Psychologie jenseits des Bildes.

 

<p>Jimmy DeSana, <em>Portrait with Dog</em>, k.A., C-Print. Courtesy Jimmy DeSana Trust und P.P.O.W, New York, Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe/Basel und Amanda Wilkinson Gallery, London © Jimmy DeSana Trust.</p>
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Jimmy DeSana, Portrait with Dog, k.A., C-Print. Courtesy Jimmy DeSana Trust und P.P.O.W, New York, Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe/Basel und Amanda Wilkinson Gallery, London © Jimmy DeSana Trust.

 

 

„Jimmy war der absolute Voyeur. Er lebte durch seine Kamera“, sagte sein ehemaliger Lebensgefährte, der Galerist Robert Stefanotti, einmal über Jimmy DeSana. Aufgewachsen in einem Vorort von Atlanta in einer scheinbar perfekten Bilderbuch-Nachkriegsfamilie, fragte sich DeSana unwillkürlich, was hinter den geschlossenen Vorhängen wirklich vor sich ging. Diese Frage stellte sich ihm umso dringlicher, nachdem sich seine Eltern hatten scheiden lassen, weil der Vater mit einer Nachbarin fremdgegangen war – was DeSana zu der Fotoserie 101 Nudes inspirierte, die inmitten der Vorstadtkulisse entstand. Dafür nahm er eine Serie schwarz-weißer Aktfotografien von sich selbst und Freund*innen auf, die, wie er betonte, „ohne Erotisierung“ auskamen. „Ich betrachte den Körper fast wie einen Gegenstand“, sagte DeSana zu der Künstlerin Laurie Simmons, seiner Mitarbeiterin und engen Freundin. „Ich habe versucht, mit dem Körper zu arbeiten, aber ohne die Erotisierung, die in der Fotografie häufig zu finden ist. Ich glaube, ich habe viel daran enterotisiert. Vor allem in dieser Zeit, aber so sind Vororte auch in gewisser Weise.“

Als DeSana im Jahr darauf nach New York City übersiedelte, blieb der Körper sein wichtigstes Thema, das Raum für Inszenierungen und Experimente bot. 101 Nudes wurde schon bald von der lebendigen exzentrischen und queeren lokalen Szene entdeckt, insbesondere innerhalb des Mail-Art-Netzwerks von Ray Johnson und seiner New York Correspondance School. In Kanada gab es mit Image Bank in Vancouver und der Gruppe General Idea in Toronto, die ein optisch an illustrierte Blätter angelehntes „Megazin“ namens File veröffentlichte, eine eigenständige Mail-Art-Bewegung. Auf dem Cover des 1974 erschienenen File-Ablegers Vile war ein Selbstporträt von DeSana zu sehen, wie er an einer Schlinge an einem Türrahmen hing – mit einer Erektion. Durch diese Aufnahme wurde er sofort zu einer File-Ikone und arbeitete von da an häufiger mit der Zeitschrift zusammen.

 

<p>Jimmy DeSana, <em>Cardboard</em>, 1985, Cibachrome Abzug. Courtesy Jimmy DeSana Trust und P.P.O.W, New York, Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe/Basel und Amanda Wilkinson Gallery, London © Jimmy DeSana Trust.</p>
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Jimmy DeSana, Cardboard, 1985, Cibachrome Abzug. Courtesy Jimmy DeSana Trust und P.P.O.W, New York, Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe/Basel und Amanda Wilkinson Gallery, London © Jimmy DeSana Trust.

 

 

In den späten 1970er und frühen 1980er-Jahren wurde DeSana zu einer festen Größe der New Yorker Punk- und No-Wave-Szene und in der queeren Fetisch-Subkultur. Er etablierte sich als Musikfotograf und nahm frühe Porträts von Musiker*innen wie Yoko Ono, David Byrne und Debbie Harry auf, die wie er zur Avantgardeszene der Stadt gehörten. Seine kommerziellen Arbeiten für Magazine wie East Village Eye, File, New York Rocker, SoHo Weekly News und Village Voice waren ebenso streng und fantasievoll wie seine künstlerische Fotografie, die er in der Stefanotti Gallery und der Pat Hearn Gallery ausstellte. Als er sich Mitte der 1980er-Jahre mit dem HI-Virus infizierte, änderte das seine künstlerische Arbeit radikal: Er wandte sich einer abstrakten und jenseitsorientierten Bildsprache zu und entfernte sich damit auch vom Thema des Körpers, was sowohl auf die Veränderungen an seinem eigenen Körper als auch auf das polarisierte politische Klima während der HIV/AIDS-Epidemie zurückzuführen war.

 

<p>Paul P., <em>Untitled</em>, 2016, Öl auf Leinwand. Courtesy der Künstler und die Sammlung Joe Friday und Grant Jameson, Ottawa © der Künstler.</p>

Paul P., Untitled, 2016, Öl auf Leinwand. Courtesy der Künstler und die Sammlung Joe Friday und Grant Jameson, Ottawa © der Künstler.

 

„Ich wurde 1977 geboren, und mein Selbstbewusstsein entwickelte sich parallel zur Aids-Krise. Wie für viele meiner Generation waren Sex und Tod auch für mich untrennbar miteinander verbunden. Jede ausgelebte Sehnsucht erschien wie ein stillschweigendes Übereinkommen mit meinem Schicksal. Daniel Reich (1973–2012), mein New Yorker Kunsthändler, schrieb anlässlich unserer letzten gemeinsamen Ausstellung: ‚Leider eignete sich AIDS sehr gut für das Fernsehen, weil damit plötzlich eine kultige, sexuelle Welt in den Essecken und auf den Fernsehtischen auftauchte. … Die Zuschauer*innen kamen nicht ganz zu Unrecht zu dem Schluss, dass schwul zu sein den Tod bedeutete und gemäß der Einschätzung einer besonders lauten Interessengruppe gleichbedeutend mit Verdammnis war.‘“ Das schrieb der Künstler Paul P. in einem anlässlich seiner Ausstellung in der National Gallery of Canada veröffentlichten aufschlussreichen Essay.

In seinen Arbeiten umgibt sich Paul P. mit Fremden, meist in Form von Porträts junger Männer, deren Identität und Schicksal unbekannt sind. Die Gemälde und Zeichnungen schwelgen in Dekadenz und sind sorgfältig im Stil des 19. Jahrhunderts ausgeführt. Es ist, als starre man ausgesucht schöne Leichen an – im wahrsten Sinne des Wortes. Paul P. bezieht seine Inspiration aus dem LGBTQ2+-Archiv in Toronto, wo er lebt. Die zahlreichen anonymen Darstellungen in diesem Archiv stammen aus erotischen Schwulenmagazinen, die in einer Phase relativer Freiheit zwischen dem Beginn der Schwulenbefreiung in den späten 1960er-Jahren und dem Ausbruch der AIDS-Krise in den frühen 1980er-Jahren erschienen. „Ich interessiere mich für Homosexualität, wie sie in Zeiten der Kriminalisierung und ihrer Strategeme existierte. In meiner Arbeit verknüpfe ich die Energie der halb illegalen schwulen Pornoindustrie Mitte der 1970er-Jahre mit der herausfordernden Attitüde des Dandys im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Ich übertrage die verschwiegene Bildsprache des Letzteren auf das offen sexuelle Material der Ersteren und bringe damit das Implizite und das Explizite zusammen – die unvereinbaren und divergierenden Ziele zweier historischer Darstellungsweisen homosexuellen Begehrens in der Kunst“, so Paul P. Er erkundet die Spannung zwischen Schönheit und Tragödie, zwischen Anonymität und Anerkennung. Indem er es ablehnt, mehr als den ersten Buchstaben seines Nachnamens preiszugeben, betont er die Austauschbarkeit und Anonymität von Identität und trägt selbst dazu bei. Durch ihre Ästhetik der Verführung zwingen uns seine Bilder hinzuschauen und zu erkennen, dass es sich um Andenken an eine von einer kulturellen Tragödie überschattete Epoche handelt, in der die Zeit stehen blieb.

 

<p>Paul P., <em>Untitled</em>, 2020, Öl auf Leinwand. Courtesy der Künstler und die Sammlung von Joshua I. Silver, London © der Künstler.</p>

Paul P., Untitled, 2020, Öl auf Leinwand. Courtesy der Künstler und die Sammlung von Joshua I. Silver, London © der Künstler.

 

Paul und ich engagieren uns auf verschiedene Weise persönlich und politisch für die Sichtbarkeit der Vergessenen, der Ausgegrenzten und der Queers, die unter politischer Verfolgung und Missachtung gelitten haben. Wir haben uns auf einer meiner Reisen nach New York kennengelernt, als ich die Retrospektive von Jimmy DeSana im Brooklyn Museum besuchte, die ich in die KW holen wollte. Paul wurde von der Galerie P.P.O.W., die unter anderem auch die Nachlässe von David Wojnarowicz, Martin Wong und Jimmy DeSana betreut, eingeladen, Wongs Zeichnungen im Verhältnis zu seinem eigenen Werk zu untersuchen. Da ich vor Kurzem eine Wong-Retrospektive organisiert hatte, war ich neugierig auf Pauls Recherchen und Methoden, insbesondere weil er sich von der gleichen Künstler*innengeneration inspirieren ließ wie ich. Nach dieser Begegnung war ich zunehmend fasziniert von der Idee des Sehens und Gesehenwerdens und lud Paul deshalb ein, gemeinsam mit mir Arbeiten von Jimmy DeSana auszuwählen und sie zu seinen eigenen Werken in Beziehung zu setzen. Die daraus entstandene Ausstellung funktioniert wie eine Matrjoschka, die unser Verständnis des Porträts durch ein generationenübergreifendes Gespräch erweitert. Ruins of Rooms (Ruinen von Räumen) ist eine Ode an eine verlorene Generation und der Abschluss meiner Programmarbeit in den KW, mit der ich versucht habe, mich für die Ausgegrenzten, die Übersehenen und die Radikalen einzusetzen.

 

Mit herzlichen Grüßen,

 

Krist Gruijthuijsen

 

 

Die Ausstellung wird mit großzügiger Unterstützung der KW Freunde realisiert.

 

 

 

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