Kuratorische Einführung
Michel Majerus
Early Works
22. Oktober 22 – 15. Januar 23

 

Kurator: Krist Gruijthuijsen
Assistenzkurator: Léon Kruijswijk

 

<p>Michel Majerus, <em>10 bears masturbating in 10 boxes</em>, 1992, © Michel Majerus Estate, 2022. Courtesy neugerriemschneider, Berlin und Matthew Marks Gallery. Foto: Jens Ziehe, Berlin</p>

Michel Majerus, 10 bears masturbating in 10 boxes, 1992, © Michel Majerus Estate, 2022. Courtesy neugerriemschneider, Berlin und Matthew Marks Gallery. Foto: Jens Ziehe, Berlin

 

Die Ausstellung Michel Majerus – Early Works versucht, die allerersten Schichten des künstlerischen Wirkens von Michel Majerus (1967–2002, LUX) freizulegen, indem sie über 80 zwischen 1990 und 1996 entstandene frühe Werke von ihm zeigt. Viele dieser Arbeiten sind zum ersten Mal öffentlich zu sehen und warten noch auf eine kunsthistorische Einordnung in das Gesamtwerk des Künstlers. Somit stellt die von Krist Gruijthuijsen kuratierte Präsentation in den KW Institute for Contemporary Art einen ersten Versuch dar, einen Überblick über Majerus’ frühe Praxis vor seinem internationalen Durchbruch zu geben, der sich ab 1996 mit seiner ersteln institutionellen Einzelausstellung in der Kunsthalle Basel anbahnte.

 

Zwanzig Jahre nach seinem plötzlichen Tod würdigen zahlreiche Ausstellungen in Berlin und Deutschland, darunter auch Michel Majerus – Early Works, den Künstler. Die Schau in den KW arbeitet den Einfluss von Majerus auf Zeitgenoss*innen und nachfolgende Generationen heraus. Sie zeigt seine Auseinandersetzung mit der Malerei als Medium und seine wegweisende Vorstellung von einer Welt, in der Popkultur, Werbung, Fernsehen, Videospiele und Computer den Alltag durchdringen ­– ein Phänomen, das von Entwicklungen in der digitalen Sphäre noch verstärkt wird.

 

Mit Bezug auf Arbeiten bedeutender Künstler*innen früherer Generationen, verwendete Majerus mal eine historische, mal eine eher banale und zeitgenössische Bildsprache. Er kombinierte Versatzstücke, schuf Serien, verkörperte Geschwindigkeit und reagierte auf provokante Statements seiner Vorgänger*innen. Seine Praxis wird durch kontinuierliche, ungefilterte Beobachtungen von Oberfläche und Raum – sowohl physisch als auch virtuell – bestimmt, mithilfe derer er sich mit der Bedeutung und Macht visueller Kultur auseinandersetzte.

 

<p>Michel Majerus, Ohne Titel, o.J., © Michel Majerus Estate, 2022. Courtesy neugerriemschneider, Berlin und Matthew Marks Gallery. Foto: Jens Ziehe, Berlin</p>

Michel Majerus, Ohne Titel, o.J., © Michel Majerus Estate, 2022. Courtesy neugerriemschneider, Berlin und Matthew Marks Gallery. Foto: Jens Ziehe, Berlin

 

Raum 1

1986 begann Michel Majerus seine künstlerische Ausbildung an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart, zunächst in der Klasse K.R.H. Sonderborg. 1991 wechselte er schließlich zu Joseph Kosuth, bei dem er sein Studium ein Jahr später abschloss. Die Praxen dieser beiden Künstler sollten während seiner gesamten Karriere maßgeblichen Einfluss auf Majerus’ Schaffen ausüben.

 

Gemeinsam mit seinen Stuttgarter Kommiliton*innen Nader (Ahriman), Stephan Jung, Susa Reinhardt und Wawa (Wawrzyniec) Tokarski gründete Majerus 1992 die Künstler*innengruppe 3K-NH, deren kryptischer Name sich aus den Initialen der Spitznamen ihrer Mitglieder zusammensetzte. In den zwei Jahren ihres Bestehens verfolgte die Gruppe laut eigener Aussage das Ziel, „die Nutzlosigkeit der Kommunikation im Allgemeinen, insbesondere in Werbung und Kunst, zu enthüllen“ und „die Bedrohung, der ein Durchschnittsmensch nicht ausgesetzt ist, die er aber als Grundlage seiner Existenz benötigt, zu verkörpern“ (3K-NH, Ausstellungskatalog, Stuttgart 1992/1993). 1993 zog Majerus nach Berlin und wohnte mit Stephan Jung in einer Wohnung in der Linienstraße. Die arme und an vielen Ecken marode Stadt blickte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in eine vielversprechende Zukunft. Ausstellungen von 3K-NH waren sowohl in Stuttgart als auch in Berlin zu sehen.

 

Die eklektische Pop-Bildsprache und den Nihilismus der Gruppe brachte Majerus in seinem eigenen künstlerischen Schaffen mit einer jugendlichen Rebellion gegen seine bürgerliche Erziehung sowie mit Institutions- und künstlerischer Kritik zusammen. Auch wenn unklar bleibt, an wen das Statement gerichtet ist, findet sich dieser Zugang unter anderem in der Arbeit Ohne Titel (1993), auf der die Worte „loss of self-confidence / lack of culture“ (Verlust des Selbstvertrauens / Kulturlosigkeit) zu lesen sind. Das Werk eins, zwei, drei (1992) ist auch von Nihilismus geprägt, dieses Mal in Bezug auf das Herkunftsland von Majerus Luxemburg. Seine Kritik bleibt jedoch vage und geht nicht ins Detail. Sein Hang zum Netzwerken brachte dem ehrgeizigen jungen Künstler 1994 schließlich seine erste Ausstellung bei der damals gerade neu eröffneten Galerie neugerriemschneider ein. Die dank zweier Leinwände großformatige Arbeit der weg vom atelier zur galerie (1994) thematisiert diesen Erfolg mit stilistischen Bezügen auf Frank Stella, einem Vorbild von Majerus, dessen Arbeitsweise er genau studierte und nachzuahmen versuchte

 

<p>Michel Majerus, Robot, 1990, © Michel Majerus Estate, 2022. Courtesy Sammlung Andreas Gegner. Foto: Wolfgang Pulfer</p>

Michel Majerus, Robot, 1990, © Michel Majerus Estate, 2022. Courtesy Sammlung Andreas Gegner. Foto: Wolfgang Pulfer

 

Raum 2 und 3

Das bevorzugtes Medium von Michel Majerus. war die Malerei, aber nur, um ihre Grenzen zu verschieben und ihre Aktualität zu hinterfragen, sei es in Bezug auf kunstgeschichtliche Vorgänger*innen, Zeitgenoss*innen oder aktuelle Bildkultur. Sein kreativer Horizont umfasste die Popkultur in ihrer gesamten Bandbreite, von Computerspielen, digitalen Bildern, Film, Fernsehen und Popmusik bis hin zu Marken, Fimenlogos und Text. Hinzu kam eine Vorliebe für die Malerei des 20. Jahrhunderts, die sich in Referenzen auf zahlreiche, ausschließlich männliche Künstler niederschlug, darunter Andy Warhol, Frank Stella, Gerhard Richter, Jean-Michel Basquiat, Julian Schnabel, Mark Rothko, Sigmar Polke, Willem de Kooning sowie seine Mentoren Kosuth und Sonderborg.

 

Die Präsentation in den KW legt den Fokus auf die frühe Schaffensphase des noch jungen, aber (bereits) außerordentlich kreativen Künstlers, der sich mit seinen technischen, visuellen und konzeptuellen Experimenten auf den Kunstmarkt drängte, dabei aber noch seinen eigenen Stil suchte. Viele seiner Techniken und Motive aus jener Zeit finden sich auch in späteren Arbeiten wieder, einmal als besonderes Interesse an einem bestimmten Thema, ein andermal als absichtliche Übertreibung, die die Banalität der modernen kapitalistischen Gesellschaft und die inhaltliche Leere ihrer Bildkultur bloßlegen sollte.

 

Bei den in diesem Raum zu sehenden Arbeiten handelt es sich um die ersten Versuche des Künstlers mit dem Siebdruck. Dem reproduktiven Geist dieses Verfahrens folgend, verwendete Majerus bereits existierende Bilder der mythischen römischen Figur der Lucretia, des Rockstars Mick Jagger und der Disney-Version von Alice im Wunderland, aber auch Robotermonster, Pudel oder Pferde. „Mr. Muscle“, die Werbefigur einer bekannten Putzmittelmarke, verweist symbolisch auf Sauberkeit – ein Bezug, der sich auch in anderen Arbeiten in Form von Verweisen auf Krankheiten und deren Behandlung wiederfindet und der als Akt der Rebellion gegen die bürgerliche Gesellschaft und ihren Lebensstil gelesen werden kann. Im Archiv von Majerus finden sich zahllose Magazine, Zeitungen und Ausschnitte aus Enzyklopädien, die in seinen Arbeiten Eingang gefunden haben.

 

Einige seiner Arbeiten aus den frühen 1990er-Jahren führte Majerus aus Kostengründen auf alternativen, günstigeren Stoffen statt auf der sonst von Künstler*innen bevorzugten Leinwand aus. Hierfür kaufte er kleine Stoffstücke, die er dann zusammennähte. Eine ähnliche Methode wandte er auch in einigen seiner späteren Werke an, als er mehrere Leinwände nebeneinanderhängte und so zu einer großen Arbeit verband.

 

Raum 4 und 5

Michel Majerus versuchte Materialien, Techniken und Symbole durch unterschiedliche Experimente und Produktionsweisen besser zu verstehen. Hier sind eher kleinformatige Arbeiten in zahlreichen verschiedenen Medien zu sehen, von Öl auf Holz über Offsetdrucke auf Leinwand bis hin zu einem einzigartigen Malbuch. Die Vielfalt und der schiere Umfang seiner Arbeiten werfen Fragen nach Authentizität, Serialität und Hierarchie in Bezug auf Bilder und ihre Trägermedien auf. Die eklektische Ansammlung dargestellter Figuren und Motive entstammt einer Vielzahl von Quellen, darunter etwa die Sesamstraße, Beavis und Butt-Head, Max und Moritz, Smarties-Verpackungen sowie eine Brettspielversion des Sandmännchens.

 

Die Arbeit Oblatenschachtel (1992) entstand als Versuch für eine Edition. Majerus platzierte dafür Referenzen des Gemäldes Maria als Schmerzensmutter (1495/98) von Albrecht Dürer auf einer Verpackung für Hostien. Die Hostien selbst bedruckte er mit Bildern von unter anderem dem Kölner Museum Ludwig und dem New Yorker Solomon R. Guggenheim Museum. Die Arbeit scheint auf die Mechanismen des Kunstmarkts und seiner Institutionen zu verweisen – und auf Majerus’ eigene Position ihnen gegenüber. Neben der Edition werden Cutouts, Skizzen und Folien für Overhead-Projektoren präsentiert, die Majerus zur Vorbereitung seiner Arbeiten dienten. Die hier zu sehende Cartoon-Katze findet sich dann auch auf der Arbeit weisses Bild (1994) wieder, die in der Haupthalle der KW gezeigt wird.

 

Halle

Die Haupthalle der KW ist den großformatigen Arbeiten von Michel Majerus gewidmet, die gegen Ende seiner frühen Schaffensphase entstanden sind. Majerus verwendete extreme Großformate gerne als künstlerische Methode – vermutlich ahmte er damit Plakatwände nach, um die Verbreitung der Popkultur im technologisierten Kapitalismus abzubilden. Diese Großformate waren nicht nur eine Herausforderung für den Maler selbst, sondern auch für die räumlichen Kapazitäten von Kunstinstitutionen und anderen Ausstellungsorten. Die Arbeiten selbst, wie etwa Fuck (1992), bleiben dabei ikonoklastisch und setzen sich mit der Position des Malers und seines Mediums auseinander. Deutlich wird dies etwa in den weißen Flächen der beiden unbetitelten Arbeiten (undatiert und 1994) auf dem Gerüst. Werke aus dieser Zeit werden darüber hinaus vielschichtiger und komplexer in ihren stilistischen Bezügen und Maltechniken, wie in 10 bears masturbating in 10 boxes (1992) und weisses Bild (1994) zu sehen ist.

 

<p>Michel Majerus, Fuck, 1992, © Michel Majerus Estate, 2022. Courtesy neugerriemschneider, Berlin und Matthew Marks Gallery. Foto: Jens Ziehe, Berlin</p>

Michel Majerus, Fuck, 1992, © Michel Majerus Estate, 2022. Courtesy neugerriemschneider, Berlin und Matthew Marks Gallery. Foto: Jens Ziehe, Berlin

 

Die ortsspezifische Arbeit Industrieboden (1996/2022) entstand ursprünglich 1996 für eine von Peter Pakesch kuratierte Ausstellung in der Kunsthalle Basel, mit der Majerus sein internationaler Durchbruch gelang. Es handelte sich um einen seiner bis dato ambitioniertesten Versuch, die Zweidimensionalität der Leinwand aufzubrechen und den Ausstellungsraum in sein Werk zu integrieren. Dieses Spannungsverhältnis sollte Majerus auch später immer wieder aufgreifen.

 

1999 festigte Majerus seine Reputation in Europa, als er auf Einladung des Kurators Harald Szeemann die Fassade des internationalen Pavillons der Biennale di Venezia gestaltete. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Los Angeles schuf er 2002 mit Sozialpalast sein wohl bekanntestes Werk, ein maßstabsgetreues Bild des Pallasseums in Berlin-Schöneberg, mit dem er das Brandenburger Tor verdeckte. Der brutalistische Sozialwohnungsbau, einst als zukunftsweisender Entwurf städtischen Lebens erdacht, stand mittlerweile für dessen Verfall und war für seine hohe Kriminalitätsrate bekannt. Am 6. November 2002 kam Majerus auf dem Weg von Berlin nach Luxemburg bei einem tragischen Flugzeugabsturz ums Leben.

 

Neben der Ausstellung in den KW werden sich auch der Neue Berliner Kunstverein (n.b.k.), der Kunstverein in Hamburg, der Michel Majerus Estate sowie die Galerie neugerriemschneider in Berlin in Einzelausstellungen mit der Vielschichtigkeit von Michel Majerus’ Schaffen auseinandersetzen und dieses in einem noch nie dagewesenen Umfang würdigen. Parallel zu diesen Ausstellungen in Berlin und Hamburg zeigen deutschlandweit dreizehn Museen – das Ludwig Forum Aachen, die Kunsthalle Bielefeld, das Kunstmuseum Bonn, das Museum Folkwang in Essen, das Sprengel Museum Hannover, das Museum Ludwig in Köln, die Kunsthalle Mannheim, die Städtische Galerie im Lenbachhaus in München, das Neue Museum Nürnberg, das Saarlandmuseum – Moderne Galerie in Saarbrücken, das Kunstmuseum Stuttgart, die Staatsgalerie Stuttgart, das Kunstmuseum Wolfsburg sowie das Mudam Luxembourg, Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean in Luxemburg – Werke von Michel Majerus aus ihren Sammlungsbeständen. Diese Zusammenarbeit von Institutionen unterstreicht den bedeutenden künstlerischen Einfluss von Majerus und zeigt, wie fest seine Praxis in Deutschland und Luxemburg im Kunstdiskurs verankert ist. 2023 wird eine umfassende Publikation zu dieser Ausstellungsreihe veröffentlicht.

 

Künstlerbiographie

Das umfangreiche Schaffen von Michel Majerus (1967-2002) ist ein frühes Beispiel einer künstlerischen Auseinandersetzung mit dem damals aufkommenden digitalen Zeitalter. Charakteristisch für sein Werk ist das Sampling, bei dem der Künstler Motive aus den unterschiedlichsten Kontexten aufgreift und Arbeiten schafft, die mittlerweile Teil der Kunstgeschichte sind, aber auch mit den überbordenden Bilderwelten der heutigen Gegenwart in Dialog treten. Werke von Majerus wurden in Einzelausstellungen in internationalen Museen und Institutionen gezeigt, darunter Kunsthalle Bielefeld, Bielefeld (2018); CAPC musée d’art contemporain de Bordeaux, Bordeaux (2012); Kunstmuseum Stuttgart, Stuttgart (2011); Mudam, Luxemburg (2006); Kunsthaus Graz, Graz; Stedelijk Museum, Amsterdam; Deichtorhallen, Hamburg; Kestner Gesellschaft, Hannover (alle 2005); Tate Liverpool, Liverpool (2004); Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin (2003) und Kunsthalle Basel, Basel (1996). Majerus nahm an der 48. Biennale von Venedig (1999) und der Manifesta 2 (1998) teil.

 

<p>Michel Majerus, Ohne Titel, 1991, © Michel Majerus Estate, 2022. Courtesy neugerriemschneider, Berlin und Matthew Marks Gallery. Foto: Jens Ziehe, Berlin</p>

Michel Majerus, Ohne Titel, 1991, © Michel Majerus Estate, 2022. Courtesy neugerriemschneider, Berlin und Matthew Marks Gallery. Foto: Jens Ziehe, Berlin

 

Impressum

Kurator: Krist Gruijthuijsen

Assistenzkurator: Léon Kruijswijk

Produktionsleitung: Claire Spilker

Technische Leitung: Wilken Schade

Leitung Aufbauteam, Medientechnik: Markus Krieger

Aufbauteam: KW Aufbauteam

Registrarin: Monika Grzymislawska

Assistenzregistrarin: Carlotta Gonindard Liebe

Bildung und Vermittlung: Laura Hummernbrum  

Programmkoordination & Outreach: Nikolas Brummer

Presse und Kommunikation: Marie Kube, Anna Falck-Ytter

Text und Redaktion: Léon Kruijswijk

Übersetzung und Lektorat: Lutz Breitinger, Tina Wessel, Simon Wolff

Wissenschaftliches Volontariat: Lara Scherrieble

Praktikantinnen: Pauline Hagen, Janika Jähnisch, Luisa Schmoock, Fangrong Tian

 

<p>Die Ausstellung zu Michel Majerus im KW wird vom Haupstadtkulturfonds Berlin.</p>

 

Die Ausstellung zu Michel Majerus im KW wird vom Haupstadtkulturfonds Berlin.